Zurück
29. November 2019

Handwerkliche Berufe haben Nachwuchssorgen

Das duale Bildungssystem der Schweiz ist weltweit einzigartig. Handwerkliche Berufe verlieren jedoch an Attraktivität. Das gefährdet das Erfolgsmodell, erklärt Roland Jost, Rektor Berufsbildungszentrum Pfäffikon (BBZP).

Header

Das duale Bildungssystem gilt als Grundlage für die Stärke der Schweizer Wirtschaft. Wenn sich die abzeichnenden Tendenzen fortsetzen, zumindest in gewissen Branchen, droht diese Erfolgsstory jedoch in absehbarer Zeit zu enden. Vor allem handwerkliche Betriebe haben zusehends Mühe, ihre Lehrstellen zu besetzen. Konnten wir am Berufsbildungszentrum Pfäffikon früher Klassen für Sanitär-, Heizungsinstallateure oder Spengler noch doppelt führen, haben wir heute teilweise Mühe, eine vollständige Klassengrösse zu erreichen, dies im Gegensatz zum grossen Wachstum in den Gesundheitsberufen. Die Gründe für die abnehmende Attraktivität handwerklicher Berufe sind vielschichtig.

Unbestritten ist, dass in der Schweiz die Akademisierung zunimmt. Der Anteil der 25- bis 34-Jährigen mit Hochschulbildung hat sich in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. So verfügt heute in der Schweiz praktisch jede dritte Person dieser Generation über einen Hochschulabschluss; dazu kommen noch gut 15 Prozent mit einem Abschluss der höheren Berufsbildung. Das Beispiel Genf zeigt, welche negativen Auswirkungen die steigende Akademisierung mit sich bringen kann. In Genf absolviert nicht einmal mehr jeder zweite Jugendliche eine Berufslehre. Im Kanton Schwyz sind es immerhin noch rund 80 Prozent.


Zum Autor

Zum Autor:

Roland Jost ist Rektor des Berufsbildungszentrums Pfäffikon BBZP. Er engagiert sich stark für die berufliche Aus- und Weiterbildung im Kanton Schwyz. Das Berufsbildungszentrum Pfäffikon BBZP nahm seinen Betrieb im Schuljahr 2006/2007 auf. Entstanden ist es aus dem Zusammenschluss der gewerblich-industriellen Berufsschule Pfäffikon und der Landwirtschaftlichen Schule Pfäffikon. Die bisherige gewerblich-industrielle Schule integrierte ab diesem Zeitpunkt Pflege- und Gesundheitsberufe sowie landwirtschaftliche Berufe.


Gymnasialer Leerlauf

Denn eine hohe Gymnasialquote hat Folgen. Kein anderer Kanton schmeisst so viele potenzielle Maturanden flugs wieder hinaus wie Genf. Gegen 50 Prozent müssen innerhalb des ersten Jahres das Gymnasium bereits wieder verlassen. Ein solcher gymnasialer Leerlauf führt einerseits zu hohen Kosten. Anderseits haben systembedingte schulische Misserfolge auch psychische Konsequenzen für die Jugendlichen mit Folgen für das individuelle Weiterkommen auf dem Arbeitsmarkt.

Jugendliche entscheiden sich nach der obligatorischen Schule für einen Ausbildungstyp: für eine berufliche Grundbildung mit einem eidgenössischen Berufsattest (zwei Jahre) oder einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (drei oder vier Jahre) oder für den gymnasialen Weg. Die Entscheidung für den einen oder den anderen Bildungstyp wird durch verschiedene Faktoren geprägt. Wichtig dafür sind die schulischen Fähigkeiten und die soziale Herkunft, aber auch das kantonale Bildungsangebot. Lehrer und Eltern beeinflussen den Entscheid in den meisten Fällen stark. Deshalb ist es von grosser Bedeutung, welchen Stellenwert diese Autoritäten der Berufslehre, insbesondere von handwerklichen Berufen, beimessen.

Geringerer sozialer Status

Beim arbeitsmarktlichen Erfolg schneiden berufsbildende Abschlüsse gleich gut ab wie allgemeinbildende Ausbildungen. Schaut man sich hingegen die relativen Einschätzungen des sozialen Status der Abschlüsse an, sind rund 40 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes der Meinung, dass berufsbildende Abschlüsse einen tieferen sozialen Status haben als allgemeinbildende. Das hat eine Umfrage ergeben. Dieses Ergebnis ist bedenklich. Die negative Einschätzung des sozialen Status findet sich nämlich nicht nur bei frisch zugewanderten Ausländerinnen und Ausländern, die mit dem Wert der Berufsbildung in der Schweiz noch nicht genügend vertraut sind, sondern auch bei Schweizerinnen und Schweizern. Besonders ausgeprägt ist die negative Einschätzung bei Personen mit einem höheren Bildungsabschluss und bei Personen mit einer Ausbildung zur Lehrperson.

Dieses falsche Bild in den Köpfen gilt es zu korrigieren, wollen wir die Jugendlichen wieder vermehrt dazu bringen, eine wertvolle Berufslehre als Grundlage für ihr weiteres Leben in Angriff zu nehmen.

Laufende Anpassungen

Der ständige Strukturwandel in der Wirtschaft zwingt nicht nur die Firmen laufend zu Anpassungen an technologische Veränderungen, sondern auch das Ausbildungssystem, sich inhaltlich und quantitativ diesen Veränderungen anzupassen. Auch wir als Berufsbildungszentrum sind deshalb gefordert, wenn es gilt, die berufliche Aus- und Weiterbildung stetig weiterzuentwickeln. Wir müssen einerseits in der Lage sein, sofort am Arbeitsmarkt verwertbare Inhalte zu lehren, und andererseits gleichzeitig Kompetenzen zu vermitteln, die auch noch Jahre nach der Ausbildung gewinnbringend auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar sind. Die Geschwindigkeit, mit der sich das Bildungswesen an die sich regional bis global verändernden Anforderungen anzupassen hat, hängt stark von der Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft selbst ab: Je stärker die Wirtschaft in einem Land dem Strukturwandel ausgesetzt ist und je schneller sie in der Lage ist, darauf zu reagieren, desto höher sind auch die Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit und -geschwindigkeit des betriebsbasierten Ausbildungswesens.

Die Schweiz hat diesbezüglich gute Karten. Das zeigen die durchwegs guten Platzierungen bei den Ländervergleichen für die Innovationskraft von Volkswirtschaften. Der Schweizer Bildungsstandort ist bestrebt, mit dem Tempo der globalen Veränderungen mitzuhalten. Dies gilt ganz besonders für die berufliche Bildung.

Nach der Einführung des neuen Berufsbildungsgesetzes sind bis 2016 praktisch alle Ausbildungs- und Prüfungsreglemente (236 Berufe, Stand Juli 2017) mindestens einmal reformiert worden. Die Entwicklung geht zügig weiter. Wir dürfen nicht stehen bleiben. Das sind wir unseren Jugendlichen und den vielen KMU schuldig. Die Erfolgsgeschichte der dualen Bildung muss weitergehen.

Artikel als PDF herunterladen